Autorenporträt

Wolfgang Herrndorf


„Wir waren auf dem direktesten Weg aus Berlin rausgefahren, den Frühverkehr hinter uns lassend, und steuerten durch die Vororte und über abgelegene Wege und einsame Landstraßen. Wobei sich als Erstes bemerkbar machte, dass wir keine Landkarte hatten. Nur einen Straßenplan von Berlin. ›Landkarten sind für Muschis‹, sagte Tschick, und da hatte er logisch recht.

2010 stiegen zwei Vierzehnjährige in einen hellblauen Lada und schlingerten über ostdeutsche Straßen dem Erwachsenwerden entgegen. Mit Tschick schuf Wolfgang Herrndorf eine witzige, wehmütig-machende, lebensbejahende Erzählung vom großen Aufbruch, von der Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben. Das Buch entwickelte sich zu einem Bestseller, es wurde mehr als eine Million Mal verkauft, in über 30 Sprachen übersetzt und von Fatih Akin verfilmt.

Wolfgang Herrndorf konnte diesen Erfolg nur kurze Zeit genießen. Am 26. August 2018 jährte sich sein Tod zum fünften Mal.

1965–1986
Kindheit und Jugend

Wolfgang Herrndorfs Kindheit in Norderstedt war von intensiven Naturerlebnissen, maximaler Freiheit, aber auch von einem Gefühl existenzieller Fremdheit geprägt. Während er in seinen ersten Lebensjahren noch von vielen Spielgefährten umgeben war, veränderte sich dies spätestens mit dem Wechsel auf das Gymnasium. Wolfgang wurde zum Einzelgänger. Er begeisterte sich für Mathematik und Physik, tüftelte an Schachproblemen oder baute Bumerangs. Doch er war kein Nerd im klassischen Sinne: Er schätzte jede Art von sportlicher Aktivität, turnte, spielte Eishockey, Handball und Fußball. Hinzu kam eine besondere Liebe zu Literatur und Kunst. Häufig besuchte er die Hamburger Kunsthalle. Er malte und zeichnete auch früh selbst: klassische Landschaften, Porträts, Stilleben.

Nach Abitur und Zivildienst entschied er sich gegen ein Mathematik- und Physikstudium (und gegen das damit verbundene Stipendium). Er beschloss einen weniger »vorgezeichneten« Lebensweg zu gehen und zog nach Nürnberg, um Malerei zu studieren.

1986–1992
Studium in Nürnberg

Wolfgangs Interesse galt jedoch nicht der Kunst der Gegenwart. Er verehrte Vermeer, van Eyck, Holbein und Dürer. Ihn faszinierten das Licht, die perfekten Kompositionen, die meisterhafte Beherrschung der Perspektive, kurz: die technische Vollendung der alten Meister. Mit der Akademie und dem Zeitgeist der 80er konnte er nichts anfangen – und die Akademie und der Zeitgeist nichts mit ihm. Die Kunstschule besuchte er nur selten, die meiste Zeit verbrachte er in seinem kleinen Zimmer mit der Nummer 27 in der Stadtmauer am Nürnberger Westtor und konzentrierte sich auf das Erlernen und die Vervollkommnung seiner Fähigkeiten in der Akt-, Landschafts- und Porträtmalerei. Er beschäftigte sich intensiv mit der Lasurtechnik in der Ölmalerei, aber die Ergebnisse konnten seinen eigenen hohen Ansprüchen nicht standhalten. »Ich konnte nicht das, was ich wollte«, erklärte er 2012 in einem Interview.

Obwohl Wolfgang mit seiner Professorin im Dauerclinch lag, wurde er mit einem Akademiepreis und einer Belobigung gewürdigt. Das Studium schloss er als Meisterschüler ab – in Wolfgangs Augen waren dies jedoch Auszeichnungen ohne besonderen Wert, und er erwähnte sie fast nie.

1993–2001
Arbeit als Illustrator

Spätestens nach dem Studium wollte Wolfgang nicht mehr malen. Bei der Nürnberger Post arbeitete er ein Jahr im Nachtdienst. Er verlud Säcke am Gleis. »Selten hat mich etwas glücklicher gemacht, als dieser Gehaltsscheck«, schrieb er später. Dennoch kündigte er seine Stellung und zog mit einem Freund nach Berlin, erst nach Neukölln, dann in die Novalisstraße in Mitte.

Er bewarb sich bei der Titanic als Zeichner. Ab 1994 arbeitete er regelmäßig für das Satiremagazin.

2001–2013

Schriftsteller

Ab 2001 verbrachte Wolfgang sehr viel Zeit im Internet, bei den Höflichen Paparazzi, einem von Christian Ankowitsch und Tex Rubinowitz gegründeten Forum, das mit herkömmlichen Internetforen allerdings wenig gemein hatte. Bei den Paparazzi wurde nahezu alles ironisiert, aber es gab keine Smileys, kein »Herummeinen«. Sprache war eigentlich das Einzige, das ernst, geradezu übergenau genommen wurde. Die Paparazzi gebärdeten sich elitär, waren aber keine programmatische Gruppe von Berufsschreibern, sondern ein vielstimmiger Mix ungewöhnlicher Charaktere. Tex Rubinowitz beschrieb das Forum als »beinharte stalinistische Schreibschule«, gleichzeitig war es aber auch eine ideale Prokrastinationsplattform, die vermutlich einige Bücher verhindert, andere aber auch möglich gemacht hat. Zahlreiche Freundschaften, Liebesbeziehungen und Ehen wurden angebahnt und geschlossen. Für Wolfgang war das Forum der Höflichen Paparazzi viele Jahre lang der wichtigste soziale und intellektuelle Bezugspunkt.

2010
Tschick und Sand

Anfang 2010 wurde bei dem damals 44 Jahre alten Wolfgang Herrndorf ein Glioblastom entdeckt, das sofort operiert werden musste. Der aggressive Gehirntumor konnte jedoch auch nach der Resektion jederzeit erneut wachsen, Motorik, Sprache und Persönlichkeit zerstören.

Die Aussicht auf einen baldigen Tod, womöglich auch eine durch die OP durcheinander geratene Gehirnchemie, führten zu einer manischen Episode. Wolfgang begab sich in ein psychiatrisches Krankenhaus. Ruhe, Rückzug und Medikamente, aber vor allem der Entschluss, die verbleibende Zeit schreibend zu verbringen, halfen ihm, sein Gleichgewicht wieder zu erlangen; eine Strategie, die er »Arbeit und Struktur« nannte.

Im Herbst 2011 stellte Wolfgang seinen Wüstenroman Sand fertig. In die Zeit der letzten Korrekturen fiel eine zweite Gehirnoperation. Trotzdem arbeitete er jeden Tag, fuhr mit Freunden in den Urlaub, verbrachte viel Zeit am Berliner Plötzensee. In seinem letzten Lebensjahr zog er in eine Dachwohnung am Nordufer mit Blick über die Stadt.

Zunächst war noch eine alternative Therapie mit dem Medikament Avastin möglich. Der Tumor hörte auf, zu wachsen, er bildete sich sogar zurück. Doch Wolfgang, seiner Familie und seinen Ärzten war klar, dass es sich nur um einen vorübergehenden Aufschub handelte. Wolfgang regelte seinen Nachlass, heiratete seine Lebensgefährtin und erklärte seine Wünsche bezüglich der posthumen Veröffentlichung von Arbeit und Struktur und Bilder deiner großen Liebe.


Im Sommer beschleunigte sich das Wachstum des Tumors radikal, er wuchs über den beide Gehirnhälften verbindenden Balken und war nicht mehr operabel. Wolfgang konnte kaum noch lesen. Das Schreiben fiel ihm immer schwerer, erst verschwanden Buchstaben, dann Worte. Am 26. August 2013 nahm er sich das Leben.